Mehr Spenden für den Qualitätsjournalismus
Wer über PR nachdenkt, muss ebenfalls über Journalismus nachdenken. Auch wenn im Internet die Karten zwischen den Disziplinen neu verteilt werden und Media Relations künftig nur noch ein Teilgebiet der Public Relations-Aufgaben darstellen wird: Das Schaffen von Publicity durch Medienberichterstattung wird nicht aus dem Zielkatalog verschwinden. Doch mit dem gravierenden Wandel der Medienlandschaft, den wir derzeit erleben, werden sich auch die Geschäftsmodelle der Branche ändern. An anderer Stelle habe ich diese Veränderungen aus einer gesellschaftlichen Perspektive betrachtet. Dort habe ich (Thomas Euler) ein Konzept vorgestellt, das sich Funding Journalism nennt.
Hinter dem Begriff verbirgt sich ein noch sehr neuer Ansatz, der jedoch das Potential hat, einen Teil des wichtigen Investigativjournalismus zu finanzieren. Das Modell ist schnell erklärt: Eine gemeinnützige Stiftung beschäftigt Journalisten, bezahlt deren Arbeit mit Spendengeldern und stellt die fertigen journalistischen Erzeugnisse dem Rest der Welt kostenfrei zur Verfügung, übrigens auch sämtlichen Publikationen. Seit kurzem gibt es einige Non-Profits, die sich dieser Aufgabe verpflichtet haben. Für das meiste Aufsehen hat sicherlich die Gründung des Huffington Post Investigative Funds gesorgt, doch auch andere Projekte wie Spot.us oder maiak widmen sich dem spendenfinanzierten Journalismus.
Sollten diese Projekte erfolgreich verlaufen und es ihnen gelingen, einerseits Akzeptanz auf Spenderseite aufzubauen und andererseits einen echten journalistischen Beitrag zu leisten, dann könnten sie tatsächlich eine Bereicherung der Medienlandschaft neben den strauchelnden Medienkonzernen darstellen. Thematische Beschränkungen gibt es dabei an sich keine. Solange sich genug Spender finden lassen, kann von politischer Berichterstattung bis hin zum Lifestylebeitrag jeder Inhalt umgesetzt werden.
Aus
der PR-Perspektive wirft ein derartiges Journalismusmodell natürlich
Fragen auf. Wie sehen generell die Zukunftschancen dieses Modells aus?
Wie gehen spendenfinanzierte Journalisten mit PRlern um? Um einigen
dieser Fragen auf den Grund zu gehen, habe ich Jürg Vollmer, Chefredakteur von maiak - ein schweizer NGO, das Funding Journalism über die Region Osteuropa aus unabhängigen Mitteln zahlt - dazu befragt.
Ich halte Funding Journalism für eine mögliche Lösung zur Finanzierung von Qualitätsjournalismus. Und solche Lösungen müssen schnell kommen: Vor einigen Tagen gab der Zürcher "Tages-Anzeiger" als zweitgrösste Schweizer Qualitätszeitung bekannt, dass er ein Drittel (!) der insgesamt 230 Vollzeitstellen abbaut, unter anderem auch einen Teil der Auslandredaktion und der Moskau-Korrespondenten. Es bleibt damit eine einzige Schweizer Zeitung, die "Neue Zürcher Zeitung", die eigene Korrespondenten in Osteuropa hat. Es wäre ein Wunder, wenn durch die Entlassungen von Auslandredaktoren und Korrespondenten die Berichterstattung aus Osteuropa in den anderen Blättern qualitativ und quantitativ verstärkt würde. Deshalb sehen die Trägerorganisationen von maiak im Funding Journalism eine realistische und sinnvolle Möglichkeit, die Berichterstattung über Osteuropa qualitativ und quantitativ zu verbessern.
Eine Präzisierung noch: "Den täglichen Nachrichtenjournalismus" kann und will maiak nicht finanzieren. Das wäre höherer Blödsinn, weil erstens die dpa-Korrespondenten in Osteuropa einen guten Job machen und zweitens – das merken jetzt auch die Verleger – weil die News heute in Echtzeit im Internet stattfinden und nicht auf den Seiten einer Zeitung, die am Vortag gedruckt wurde. Die Zeitungen werden künftig auf einer Seite alle Ausland-News zusammenfassen und ansonsten die Leser mit exklusiven Hintergrundberichten informieren – die unter anderem durch Funding Journalism finanziert werden.
Auch allgemein halte ich es für unwahrscheinlich, dass spendenfinanzierte Modelle Nachrichtenjournalismus finanzieren können, da ich als ehemaliger Agenturjournalist weiss, dass eine Nachrichtenorganisation wie die dpa extrem kostenintensiv ist. Stattdessen sehe ich die Stärken des Funding Journalism klar bei der Hintergrundberichterstattung, die er sehrwohl auf hohem Niveau leisten kann.
>> Haben Sie Leitlinien definiert, wie ihre Journalisten mit PRlern umgehen sollen und wenn ja, was beinhalten diese?
Maiak hat ein Redaktionsstatut mit der klaren Vorgabe: "Die Redaktion weist jede Einflussnahme, jeden Druck seitens einzelner Personen, politischer Parteien, Unternehmen, ökonomisch, religiös oder ideologisch orientierter Gruppen zurück."
Auch im Programmleitbild von maiak wird die publizistische Grundhaltung klar vorgegeben: "Die Autoren schreiben nach publizistischen Kriterien und unabhängig von politischen, wirtschaftlichen, religiösen, sozialen oder anderen Interessengruppen sowie von persönlichen Interessen."
Wir unterscheiden aber Werbung oder politische Propaganda von der PR und beurteilen Letztere nicht per se negativ. Die PR – sprich die Öffentlichkeitsarbeit von Organisationen, Unternehmen oder Behörden – hat durchaus ihre Berechtigung, wenn es um Information, Kommunikation und Meinungsbildung geht.
>> Sollte sich das Funding Journalism etablieren und in Zukunft einen größeren Anteil der Berichterstattung tragen, hätte dies Ihrer Meinung nach Implikationen auf Public Relations oder bliebe das Verhältnis von Journalisten zu PRlern davon unangetastet?
Schauen wir die Sache doch ganz pragmatisch an: Auf der einen Seite finanziell und personell gut dotierte Nichtregierungs-Organisationen wie maiak, deren Autoren anerkannte Fachleute in ihrem Themengebiet sind und deren Träger (Stiftungen, Universitäten und Privatpersonen) langfristig einen unabhängigen Qualitätsjournalismus fördern wollen. Auf der anderen Seite brutal dezimierte Redaktionen unter Zeitdruck, die sich durch Anzeigen von Unternehmen, Organisationen und Behörden finanzieren.
Wenn die Redaktionen einen Teil der Hintergrundberichte durch eine Organisation wie maiak und deren Funding Journalism finanziert erhalten, könnte es sogar ihre publizistische Unabhängigkeit vergrössern. Ich denke deshalb, dass durch den Funding Journalism langfristig die Öffentlichkeitsarbeit von Organisationen, Unternehmen oder Behörden besser wird, da die PR besser werden muss.
Dies soll zunächst als Einstieg in das Thema 'Funding Journalism' genügen. Mich würde interessieren: Sind Sie schon mit Journalisten in Berührung gekommen, die für eine Funding Journalism Organisation gearbeitet haben? Wird dieses Thema für Sie an Relevanz gewinnen oder denken Sie, es bleibt ein Nischenthema? Über Ihre Meinung würde ich mich freuen!
>> Freitag.de: Qualitätsjournalismus im Internetzeitalter
>> Huffington Post: Announcing the launch of the Huffington Post Investigative Fund
>> PRESSthink: Introducing the new Huffington Post Investigative Fund
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