Lobbying braucht Regeln. So lässt sich die zentrale Erkenntnis des 2. Weltinnenpolitischen Kolloquiums zusammenfassen, das an diesem Wochenende unter dem Motto "Lobbying und PR" in der Ingolstädter Kolping Akademie stattfand. Nachdem Prof. Ulrich Bartosch die Konferenz eröffnet und mit seinem Vortrag über die Göttinger Erklärung das Thema in einen historischen Kontext gebettet hatte, blickten die folgenden Referenten auf die heutige Situation und in die Zukunft.
In seinem Vortrag "Think Tanks heute" machte der Politikwissenschaftler Dr. Rudolf Speth anhand eines aufgegriffenen Statements das Problem gleich zu Beginn klar:
„Sie bekommen heute für jede These das beste wissenschaftliche Gutachten. Alles nur eine Frage des Geldes.“
Die Zahl der ideologisch identifizierbaren Think Tanks ist seiner Analyse nach in den letzten Jahren rasant angestiegen und wird weiter wachsen. Da die Denkfabriken aus allen erdenklichen politischen Richtungen stammen, liefern sie je nach Couleur unterschiedlichste Ergebnisse zum selben Thema. Damit befinden sich die Think Tanks mitten im „Krieg der Ideen“, den sich vor allem amerikanische Vertreter offen auf die Flagge schreiben. Dennoch fürchtet Speth keine totale Amerikanisierung der deutschen TTs, da hierzulande eine akademische Reputation wesentlich entscheidender sei. Für die Zukunft prognostiziert er eine steigende Einbindung der Medien in die Arbeit der TTs, um auch auf Seiten der Bevölkerung für mehr Akzeptanz der eigenen Belange zu werben.
Um diese Akzeptanz zu schaffen, so Speth, brauche es vor allen Dingen Transparenz, denn sowohl Politiker wie auch Bürger müssen wissen, aus welcher Quelle eine Information stammt. Durch die steigende Zahl der Akteure wird es für den Otto-Normalverbraucher jedoch schwieriger, sich einen solchen Überblick zu verschaffen. Nicht zuletzt dank der neuen Medien sieht er allerdings die Chance, mehr Durchsichtigkeit zu erzielen.
Auch in der Podiumsdiskussion zwischen Dr. Klaus Schmid, Vorstand bei Vattenfall, Reiner Braun, Geschäftsführer der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler, Prof. Helmut Fischer, Lehrstuhl-Inhaber für Volkswirtschaftslehre an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und dem Journalisten Günter Murr, wurde von keinem Beteiligten das "ob", sondern nur das "wie" von Lobbying in Frage gestellt. Alle Beteiligten sprachen sich dafür aus, deutlich die demokratischen Regeln zu beachten und stets die Legitimität der eigenen Belange und Vorgehensweisen zu hinterfragen. Dr. Schmidt erklärte etwa, dass Vattenfall einen Ombudsmann beschäftigt, der das Tun der eigenen Lobbyisten kontrolliert und bei Beschwerden aktiv wird. Außerdem erachtet er es für notwendig, als Unternehmen eigene Wertregelungen und Spielregeln festzulegen, die für alle Public Affairs-Mitarbeiter verbindlich sind.
Zudem wurde deutlich, dass es Voraussetzung für gelungene Lobbyarbeit ist, sein Anliegen auch in die Bevölkerung zu tragen. Denn nur wer im Meinungs-Mainstream mitschwimmt, hat letztlich bei den Entscheidern in der Politik eine Chance - sie sind auf ihr öffentliches Image angewiesen. Peter J. Croll, Leiter des Think Tanks BICC, brachte dies schön auf den Punkt: "Wir müssen mit unseren Belangen in die Köpfe der Menschen kommen". Daher muss Public Affairs immer Hand in Hand mit PR-Arbeit gehen und eine gemeinsame Sprache sprechen.
Dass es dabei zu einem Umdenken auf Unternehmensseite, grade auch in kritischen Branchen kommt, machten Manuel Güll von der Reemtsma Cigarettenfabrik und Thomas Kuttruf vom Sportmotorradhersteller KTM in ihren Vorträgen deutlich. Beide plädierten dafür, mit den Problematiken ihrer Produkte offen umzugehen und grade dadurch gesteigerte Glaubwürdigkeit zu erlangen. So sprach Güll von der Zigarette als "ehrlichstes Produkt der Welt", das keinen Hehl daraus macht, massiv gesundheitsschädlich zu sein. Dies nicht zu leugnen, in der Kommunikation aber die Akzente auf die Aspekte Spaß- und Lebensfreude zu setzen, sei die Kunst. Thomas Kuttruf erklärte mir dann im persönlichen Gespräch, wie KTM mit der Umweltproblematik umgeht:
"Es gibt zwei Strömungen: Die Kunden, die aus reiner Leidenschaft Motorrad fahren und diejenigen, die erkannt haben, dass auch die Umwelt betroffen ist und den "Lebensraum Motorrad" bewahren wollen. Daher gehen wir mit dem Thema durchaus offensiv um und arbeiten aktuell auch produktseitig an nachhaltigen Technologien. Der Balanceakt ist es, dabei die Ansprüche unserer Kunden, denen der Spaß am wichtigsten ist, nicht zu verraten."
Am Rande hatte ich außerdem die Möglichkeit, mich mit Prof. Thomas Pleil über Zukunftsfragen der Kommunikation zu unterhalten. Das Interview gibt es in den nächsten Tagen hier und ein paar tiefergehende Beiträge zu einzelnen Tagungsthemen nach und nach auf meinem persönlichen Blog.
Thomas Euler

Letzte Kommentare